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„SEIN“ Nov 2010: Nahtoderfahrungen und ihr spirituelles Transformationspotenzial

Haben Nahtoderfahrungen etwas mit Erwachen zu tun? Sind sie nur ein einmaliges, abgetrenntes Erlebnis oder Tor zu einer lebensverändernden Wende? Christine N. Brekenfeld erzählt  von  ihrem eigenen Nahtoderlebnis und wie es sie auf eine neue  Lebensspur  gebracht hat.

 

Aus Angst wird Frieden

– Deshalb  wird in der aktuellen Literatur die NTE auch immer wieder  mit  Meditationserfahrungen, schamanischen Reisen oder  Kundalini-Erweckungen  verglichen. Das „Netzwerk Nahtoderfahrung e.V.“  hat sich in dem  Tagungsband „Nahtod und Transzendenz“ dem Thema aus  verschiedenen  Blickwinkeln angenähert und die Nahtoderfahrung als  transzendente  Erfahrung untersucht. Der Forscher Pin van Lommel  vermutet, dass eine  NTE in ihrer Folgewirkung einen bleibenden  Charakter hat und dass sie  der Auftakt für eine lebenslange spirituelle  Suche sein kann. Kenneth  Ring war einer der Ersten, der in den  80er Jahren eine Ähnlichkeit der  Erfahrungen zwischen dem vermutet hat, was „spirituelles Erwachen“ (er sprach von der „Kundalini-Erweckung“)  genannt wird, und einer  Nahtoderfahrung. Aufgrund der Tatsache, dass  ihm eigene mystische oder  spirituelle Erfahrungen fehlten, blieben  seine Thesen hypothetisch. Ein  wichtiger Aspekt in seinen Ausführungen  scheint mir aber seine  Feststellung, dass es bei der Nah-Todesforschung  nicht um den Weg zum  Tod gehen kann, sondern es interessiert der  Augenblick des (anscheinend)  unmittelbar bevorstehenden Todes. In  diesem Augenblick vermutet er eine  Umwandlung von Angst und Schmerz in  inneren Frieden.Genau  dieser Fragestellung widmet sich das  Berliner Institut für  tiefenpsychologische und existentielle  Psychotherapie – Karen  Horney-Institut (BITEP) im Forschungsbereich  „Nahtoderfahrungen (NTE)  und ihr spirituelles  Transformationspotential“. Der spirituelle Lehrer  Christian Meyer und  ich beschäftigen uns insbesondere mit den folgenden  Fragen:

  • Können die Auswirkungen und das Erleben einer Nahtoderfahrung  durch  intensive spirituelle Arbeit zu einer dauerhaften und  tiefgreifenden  Entwicklung der Persönlichkeit führen?
  • Und kann  es sich deshalb für jeden und jede mit einer  Nahtoderfahrung lohnen,  durch spirituelle Unterstützung eine Integration  und  Persönlichkeitsentwicklung anzustreben?

Wie gehe ich mit dem Tod um? Der derzeitige Forschungsstand beschreibt die Auswirkungen der NTE auf das weiterführende Leben der betroffenen Personen bis hin zu der transformierenden Wirkung von NTEs. Eine wichtige Frage wird dabei bisher außer Acht gelassen, die für die positive Persönlichkeits-Veränderung möglicherweise ausschlaggebend  ist: Welche Haltung hatte der Betroffene während dieser Erfahrung zu seinem Sterben und seinem Tod?

  • Leugnet der Betroffene das Sterben, dissoziiert sich und ist wie betäubt?
  • Kämpft  der Betroffene gegen das Sterben an, will es nicht, und zwar  noch zum  Zeitpunkt, an dem der Tod selbst schon sicher und gewiss  scheint?
  • Fügt der Betroffene sich notgedrungen in sein Schicksal nimmt es hin, aber ganz und gar unwillig und widerwillig?
  • Stimmt  der Betroffene dem Tod zu, als dem Schicksal, das ihm im  Augenblick  zugemutet wird oder ihm aufgegeben wird, gewissermaßen als  eine  bewusste Annahme dessen, was ist?

Sowohl aus theoretischen Erwägungen als auch aus bisherigen   Erfahrungen ergibt sich die Hypothese, dass bei den Menschen, die zum   Zeitpunkt der Nahtoderfahrung nicht gegen den Tod ankämpfen, sondern das   Sterben annehmen (die 4. Gruppe in obiger Differenzierung) die NTE die   größte spirituell-transformative Wirkung hat. Und es gibt  ebenfalls  auch aus der NTE-Forschung und eigenen empirischen  Forschungen Hinweise  darauf, dass es womöglich gar nicht einer  konkreten lebensbedrohlichen  Situation bedarf, sondern dass die  alleinige subjektive Erwartung,  sterben zu müssen, und die  bereitwillige Zustimmung zu diesem nun  erwarteten Tod zu dem gleichen  Ergebnis führen können.

Zulassen und loslassen

Alle spirituellen Wege enthalten die Aufforderung, das anzunehmen, was ist. Dazu gehört auch die existentielle Angst vor dem Tod. Ihr zu begegnen, diesen inneren Tod zu sterben, ist nötig, um zur eigenen   wahren Natur zu finden. Deshalb sprechen die Mystiker davon „zu sterben, bevor du stirbst“ und vom „mystischen Tod“. Möglicherweise hat deshalb eine NTE tatsächlich strukturelle Ähnlichkeiten mit der spirituellen   Transformation, die aus der Mystik bekannt ist und die „Aufwachen“,   „Erwachen“ oder auch „Erleuchtung“ genannt wird. Christian Meyer beschreibt aus seiner eigenen Erfahrung und der Arbeit mit vielen Schülerinnen und Schülern folgenden inneren Prozess des Aufwachens: „Wenn alle oberflächlichen und tieferen Gefühle gefühlt wurden, beginnt   der Körper sich zu entspannen und loszulassen. Wenn die Aufmerksamkeit dann nach innen gerichtet bleibt, beginnt ein inneres Fallen, ein  Fallen  in einen leeren Raum, in einen Abgrund. Jeder kennt diesen Abgrund, aber normalerweise hat der Mensch Angst vor ihm. Dieses Fallen  in die  Tiefe – nicht als Bild, sondern als unmittelbare Erfahrung –  wird  langsam zu einem Fallen durch eine Enge, wie durch ein Rohr oder  durch  einen Tunnel. Dabei nimmt der Körper den Atem ganz zurück, hier  taucht  oft die Angst auf zu ersticken. Dies nicht beachtend, geschieht  das  Fallen tiefer und tiefer und der Raum weitet sich ins Unendliche,  das  Fallen wird zu einem Schweben und Fliegen und dann zur Erkenntnis, dass  du selber diese Unendlichkeit bist. Dann steht der Verstand still  und es  breitet sich ein nie dagewesener Frieden und Glück aus. Du weißt   sofort, auch wenn es völlig neu ist, das ist die Wirklichkeit, alles   bisher war ein Traum“. Diese Erfahrung wird heute meistens   Aufwachen genannt, weil Erleuchtung missverständlich ist. Es klingt so, als wenn eine Person erleuchtet wird, das heißt, dass etwas zu ihr   hinzugefügt wird. Aufwachen bedeutet aber zu erkennen, was in   Wirklichkeit schon immer da war. Es gibt niemanden mehr, der etwas tut. Die Erkenntnis, dass da kein Ich ist. Es fällt also etwas ab, anstatt   dass etwas hinzugefügt wird. Es ist eine neue Daseinsweise und Wahrnehmungsweise – man handelt von einer anderen Ebene aus. Es gibt   kein „ich brauche, ich sollte, ich tue usw.“ mehr, sondern ein „es geschieht“. Der Prozess kann sich immer mehr und in alle Lebensbereiche   ausweiten und sich vertiefen. Viele haben Angst, dass ohne die Ichhaftigkeit der Alltag und das normale Handeln nicht mehr   funktionieren würden, aber das Gegenteil ist der Fall: Wenn die   Handlungen und das „was zu tun ist“ nicht mehr ständig von Befürchtungen und Ängsten, von der ewigen Gedanken-Plapperei begleitet werden, dann können die Handlungen viel leichter, effektiver und liebevoller geschehen. Das Geschenk einer Nahtoderfahrung kann diesen Raum öffnen.

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